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931 Millionen Euro für Ehrenrunden

Wie sinnvoll sind Ehrenrunden in der Schule?So viel, rechnete uns der Bildungsforscher Klaus Klemm 2009 für eine Studie der Bertelsmann-Studie vor, kosten den Steuerzahler pro Jahr die Maßnahme der Klassenwiederholung von Schülern bei Minderleistungen, die sogenannten Ehrenrunden.

931 Millionen Euro, die ja höchst sinnvoll angelegt wären, wenn die Ehrenrunden die Schüler dahin brächten, ihre Lernrückstände aufzuholen. Das allerdings scheint fraglich. So zeigte Timo Ehmke 2010, dass Ehrenrunden bei 7000 deutschen Schülern der Klassen 9 und 10 in Mathematik und Naturwissenschaften zwar das Selbstkonzept in Bezug auf das Rechnen verbesserte, die Wissenslücken im Vergleich zu den versetzten Schülern ließen sich jedoch nicht schließen. Auch andere internationale Studien belegen: Sitzenbleiben verbessert nicht die Lernleistungen der Schüler.

Manche Studien deuten zudem darauf hin, dass vor allem ein spätes Sitzenbleiben in der Schulkarriere ein guter Indikator dafür ist, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Laura Clothers amerikanische Studie zeigt auf, dass der Altersunterschied von Sitzenbleibern und spät Eingeschulten ein Problem sei: Ältere Mitschüler neigten öfters dazu, andere zu schikanieren, auszugrenzen oder zu beleidigen, aber auch selber Schikanen zu erleiden.

Also soll man auf Ehrenrunden besser verzichten? Einfach Weiterzuversetzen scheint allerdings auch keine Alternative zu sein: Schwache Schüler werden dadurch auch nicht besser, die Lernrückstände bleiben bestehen oder werden sogar noch größer. Ingmar Hosenfeld, Professor für pädagogisch-psychologische Bildungsforschung am Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung der Universität Koblenz-Landau, schlägt eine interessante Alternative vor: Statt Klassenwiederholung zusätzlichen Unterricht in den Sommerferien und eine Nachprüfung am Ende. „In den Sommerferien lernen zu müssen, ist für die Schüler ähnlich abschreckend wie das Wiederholen einer Klassenstufe und wirkt daher vergleichbar motivierend“ (In Gehirn und Geist, 7-8/2013, S. 19). Diese Vorgehensweise wäre bedeutend günstiger und der Schüler würde kein Jahr verlieren.

Allerdings bleibt natürlich auch hier die Frage: Was ist, wenn der Schüler durch die Nachprüfung fällt? Soll er dann doch die Klasse wiederholen oder stattdessen die Herbstferien für einen erneuten Zusatzunterricht nutzen? Und wer soll den Zusatzunterricht geben? Es erscheint wenig sinnvoll, ihn den Klassenlehrern aufzubürden, die mit ihrem Leistungspensum und der psychischen Belastung ohnehin oft am Limit arbeiten.

Aber Hosenfeld weist trotz allem auf einen wichtigen Aspekt hin: Ohne Sitzenbleiben und ohne Noten würde eine Motivationsquelle für die Anstrengungsbereitschaft von Schülern wegfallen. Insofern ist es richtig, Lösungen zu suchen, die eine Leistungsbewertung nicht negieren und eine Konsequenz aufzeigen, um am Lerndefizit zu arbeiten. Und dafür haben wir 931 Millionen Euro zur Verfügung, zumindest rechnerisch.

Mehr zum Thema in unserem Beitrag „Sitzenbleiben – Chance oder Zeitverschwendung?„.

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