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Von der Lesewut zur Smartphonesucht

Der Sozialwissenschaftler und vierfache Vater Thomas Momotow (Shearts) meint, dass wir unsere Kinder zu schnell als süchtig stigmatisieren, wenn es um die intensive Nutzung neuer Medien geht.

Seit Juni 2018 wird Online-Spielsucht von der WHO offiziell als Krankheit geführt. Wenn jemand ohne jede Selbstkontrolle und ohne jedes Maß das Internet nutzt, spricht man von exzessivem Onlineverhalten (EOV). 2 bis 13 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland gelten als internetsüchtig oder „problematisch in ihrer Internetnutzung“. „WhatsApp, Instagram und Co. – so süchtig macht Social Media“ betitelt die Krankenkasse DAK schlagzeilenträchtig eine ihrer Studien.

Das lässt bei uns Eltern möglicherweise den Verdacht aufkommen, unsere Kinder seien alle schon abhängig oder auf dem besten Weg dahin. Sie zocken, daddeln, surfen, chatten. Am PC, am Notebook, am Tablet, aber am allermeisten am Smartphone. Dort sind sie am liebsten in Sozialen Medien unterwegs. Sind ständig on und scheinbar mangelt es ihnen an Medienkompetenz. Letztens las ich von einem Mädchen, das ihr Smartphone mit unter die Dusche nimmt. Denn das Duschbad dauert ihr zu lange, um die eingehenden Nachrichten erst anschließend abzurufen. Also unterbricht sie regelmäßig die Körperpflege und schaut kurz in ihren Messenger.

Früher war alles besser

Ein abschreckendes Beispiel aus der Social-Media-Welt, das Eltern alarmiert. Zu Recht? Die erste gute Nachricht ist: Bei aller Sorge um die Mediengewohnheiten unserer Kinder müssen wir nicht davon ausgehen, es mit einer Generation von Abhängigen zu tun zu haben. Abhängig wovon denn? Von der Aufmerksamkeit durch Freunde? Oder von Kommunikation? Die zweite gute Nachricht ist: Das Ende der abendländischen Kultur ist mit dem Smartphone nicht eingeläutet. Vielleicht behagt es uns einfach nicht, was unsere Kinder tun, weil wir selber ganz anders „ticken“ als sie. Weil wir anders aufgewachsen sind, mit anderen Medien, selbstverständlich besseren und ungefährlicheren.

Ich zum Beispiel erinnere mich noch gut an meine eigene Jugend. Damals schmeckte es meinen Eltern nicht, wenn ich vor der Glotze saß und mir lineares Fernsehen „reinzog“. TV gehörte damals noch zu den halbwegs neuen Medien. Eine anderes noch recht frisches Medium war die Stereoanlage. Und auch gegen deren Nutzung gab es bei mir zuhause elterliche Einwände: „Du faulenzt den ganzen Tag bloß und hörst nur Schallplatten. Tu lieber mal was für die Schule oder lies ein Buch!“ Stundenlange Festnetztelefonie mit dem besten Freund war ebenfalls nicht erwünscht. Ich weiß noch, dass wir damals per Telefon Schach gespielt haben. Unsere Eltern hielten uns deshalb für merkwürdig.

Gute Medien, schlechte Medien (GMSM)

Böse Medien gab es also schon immer, gute auch. Als das Kino aufkam, gab es Bedenken, dass dieses Medium die Fantasie zu sehr anregt. Später nahm man im Gegenteil an, dass es die Vorstellungskraft raubt. Als dann der Tonfilm aufkam, wurde dieser zu Schund erklärt und der Stummfilm zur Hochkultur. Als in den 1950er Jahren das Fernsehen Einzug in die Wohnzimmer hielt und dort mit dem guten alten Radio konkurrierte, war das Lichtspielhaus das bessere Medium und die Flimmerkiste das schädlichere und trivialere. Und dann erst der Computer: „Computer für Kinder – das macht Apfelmus aus den Gehirnen“, warnte der Informatiker Joseph Weizenbaum zu Anfang dieses Jahrtausends. Und da gab es Social Media noch gar nicht.

Lesen verdirbt den Charakter

Bewegte Bilder (schlechte Medien) töten die Fantasie, heißt es, das gedruckte Wort regt sie an (gute Medien). Immerhin gegen das Lesen – bevorzugt auf Papier – kann also doch nichts Übles gesagt werden, oder? Pustekuchen! Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden in intellektuellen Kreisen erregte Debatten um die sogenannte Lesesucht oder Lesewut geführt. Dahinter steckte die Sorge, die „Romanleserey“ könne vor allem die Frauen und die Jugend verderben. Der Schriftsteller und Pädagoge Joachim Heinrich Campe kritisierte diese „Begierde, sich durch das Büchlein zu vergnügen.“ Johann Adam Bergk fand schärfere Worte: „Ein Buch lesen, um bloß die Zeit zu tödten, ist Hochverrath an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung höherer Zwecke bestimmt ist.“ Und Johann Gottfried Hoche schrieb in seinem 1794 erschienen Werk „Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht“: „Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.“

Zu den jugendgefährdenden Schriften der damaligen Zeit zählte beispielsweise auch Goethes „Leiden des jungen Werther“. Zeitgenossen bemängelten darin nicht nur den fehlenden didaktischen Aspekt, sie sahen in dem Briefroman auch eine Bedrohung der Ehe, der geltenden Moralvorstellungen und eine Verführung zum Suizid.

Andere Zeiten, andere Sorgen: Was wären doch viele von uns heutigen Eltern froh, wenn unsere „suchtgefährdeten“ Kinder sich in der Straßenbahn von Goethes Werther anstatt der Whats-App-Nachricht der Freundin ablenken ließen.

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